Kategorien
Beobachtungen

Vogelbeobachtung im Mai: Was du jetzt in Baden-Württemberg zu Gesicht bekommst

Der Mai ist für mich der wichtigste Beobachtungsmonat im Jahr. Die Brutzeit ist in vollem Gange, die meisten Zugvögel sind zurück, das Laub ist noch hell genug, um die Vögel in den Bäumen zu erkennen, und morgens gibt es ein Konzert, das man Anfang April so noch nicht hat. Wer in Baden-Württemberg lebt und sich für Vögel interessiert, der hat im Mai die mit Abstand besten Karten.

Heimische Gartenvögel am Futterhaus im Mai
Typische Mai-Szene am Futterhaus, hier rotieren Meisen, Buchfinken und gelegentlich ein Buntspecht.

Was du in den Gärten siehst

Die Klassiker zuerst. Kohlmeise und Blaumeise sind im Mai bei vielen Gartenbesitzern bereits mit der ersten Brut durch oder kurz davor. Ihr seht sie pausenlos Raupen schleppen, das ist das typische Bild. Wenn ihr einen Nistkasten im Garten habt, ist jetzt der Moment, in dem rund um den Eingang die Astgabeln weiß von Vogelkot sind. Das ist normal und ein gutes Zeichen, ihr sollt da jetzt nicht reinigen.

Der Hausspatz, der bei uns in Linkenheim deutlich weniger geworden ist als noch vor zwanzig Jahren, ist im Mai gut zu sehen, weil er gern in kleinen Trupps unter Dachvorsprüngen sitzt. Bei mir hat sich in den letzten Jahren ein kleiner Trupp etabliert, die haben offenbar einen Hohlraum im Dachstuhl gefunden. Störe ich nicht.

Amseln sind im Mai sehr aktiv. Achtet auf die unauffälligen Weibchen, die deutlich brauner als die schwarzen Männchen sind. Wer das nicht weiß, denkt manchmal an eine andere Art. Ist aber dieselbe.

Was du am Rhein siehst

Der Altrhein zwischen Linkenheim und Leopoldshafen ist im Mai ein dankbares Gelände. Graureiher und Silberreiher sind ganzjährig da. Der Eisvogel ist scheu, aber wer Geduld hat und ruhig sitzt, sieht ihn etwa alle dritte oder vierte Tour. Ich habe ihn letzte Woche zwei Minuten lang auf einem überhängenden Ast beobachten können, das war ein gutes Erlebnis.

An den ufernahen Schilfflächen lohnt sich das Lauschen. Im Mai singen Teichrohrsänger und mit Glück ein Sumpfrohrsänger, der das Lautrepertoire anderer Arten imitiert. Da steht man dann fünf Minuten und versucht zu entscheiden, ob man gerade eine Schwalbe, eine Goldammer oder einen Sumpfrohrsänger hört.

Was du in den Streuobstwiesen siehst

Die Streuobstwiesen rund um Hochstetten sind unterschätzt. Der Gartenrotschwanz, dessen Bestand bundesweit unter Druck ist, hat hier vereinzelt noch Reviere. Ich habe ihn dieses Jahr an drei verschiedenen Stellen gehört, eine davon in der Nähe vom Sportplatz. Wer ihn sehen will, kommt frühmorgens, etwa eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang.

Wendehals ist schwieriger. Die Art ist insgesamt selten geworden, ich habe ihn in den letzten fünf Jahren nur zweimal sicher bestimmt, beide Male im Mai. Wer ihn hört, der hört auch sofort, dass das kein Specht ist im klassischen Sinne, sondern ein eher klagender, schneller Ruf.

Tipp zum Anfangen

Wenn ihr neu im Thema seid und nicht wisst, wie ihr starten sollt, dann sucht euch im Mai einen festen Beobachtungspunkt im Garten oder auf dem Balkon. Setzt euch dort zur immer gleichen Zeit fünfzehn Minuten hin, sechs Tage in Folge. Schreibt auf, was ihr seht. Nach einer Woche habt ihr ein Gefühl dafür, welche Arten regelmäßig da sind und welche nur durchziehen. Das ist der erste Schritt, und er ist viel mehr wert als jedes Bestimmungsbuch.

Wenn ihr im Mai etwas in der Region Linkenheim beobachtet habt, was ihr nicht bestimmen könnt, schreibt mir gern. Ich helfe dann, soweit ich kann, und wenn ich nicht weiterweiß, frage ich beim NABU vor Ort nach.

Vergleich zu den Vorjahren

Wenn ich meine Aufzeichnungen aus dem letzten Mai mit diesem Jahr vergleiche, fallen mir drei Sachen auf. Erstens: Die Kohlmeisen sind in meinem Garten klar weniger geworden, ich zähle morgens noch drei statt fünf. Das deckt sich mit Beobachtungen aus dem Umfeld, die ich gehört habe. Zweitens: Die Amselbestände wirken stabil, was nach dem Usutu-Druck der letzten Jahre überrascht und gleichzeitig hoffnungsvoll stimmt. Drittens: Buchfinken sind heuer akustisch viel präsenter als in den drei Vorjahren, vielleicht weil das Frühjahr trockener war und mehr Sing-Phasen offene Vormittage erlaubten.

Solche Jahresvergleiche sind nichts wissenschaftlich Belastbares. Aber sie helfen, eine Region über Jahre persönlich zu verfolgen. Wer langfristig dabei bleibt, sieht Veränderungen, die in einzelnen Sichtungen nicht auffallen. Genau das macht das Beobachtungstagebuch so wertvoll. Es ist nicht das einzelne Datum, sondern die Reihe.

Was an der Ausrüstung im Mai zählt

Im Mai braucht ihr im Prinzip nicht mehr als ein einfaches Fernglas. Ich nehme im Garten gern ein leichtes 8×32, das hängt morgens am Frühstückstisch in greifbarer Nähe. Wenn ich rausfahre Richtung Altrhein, kommt ein 10×42 mit. Ein Spektiv hilft am Rhein durchaus, ist aber nicht zwingend. Wer noch keins hat, muss kein Geld in die Hand nehmen, bevor er sich nicht sicher ist, dass er dabei bleibt.

Was bei mir immer mitkommt: ein kleines Notizheft, ein Bleistift, das aktuelle Bestimmungsbuch und in der Jackentasche eine Kopie der Karte vom NABU-Schutzgebiet, weil ich da regelmäßig die Wege vergesse. Smartphones sind nicht ideal, weil sie im Sonnenlicht schlecht ablesbar sind und unterwegs schnell den Akku verlieren, wenn man ständig schaut. Wenn überhaupt, dann mit Notizen-App im Flugmodus.

Wo es im Mai besonders ruhig ist

Ein Tipp für alle, die in der Hauptbrutzeit nicht ständig auf Joggern und Hunden ausweichen wollen: der Streifen zwischen dem Altrhein und den Feldern westlich von Linkenheim ist morgens vor 7 Uhr fast menschenleer. Eine knappe Stunde dort, ruhig sitzend, ist mehr wert als ein halber Tag am Nachmittag. Das ist gerade im Mai ein massiver Unterschied, weil die Gesangsaktivität in den frühen Stunden ihren Höhepunkt hat und gegen Mittag deutlich abflacht.

Wer noch nie vor Sonnenaufgang draußen war, sollte das im Mai ausprobieren. Es ist keine Tortur, weil die Sonne früh kommt, und ihr habt das Gelände eine ganze Weile für euch allein. Plus: Die Lichtstimmung ist fotografisch dankbar, falls ihr eine Kamera dabei habt.

Von Klaus Reinhardt

Hobby-Ornithologe aus Linkenheim-Hochstetten. Beobachte seit über 20 Jahren Vögel in der Region, früher regelmäßiger Gast im alten Vogelpark Linkenheim.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert