Ich werde immer wieder gefragt, was es im alten Vogelpark Linkenheim eigentlich genau gab. Viele kennen den Park nur noch vom Hörensagen, andere haben ihn als Kind besucht und erinnern sich vage. Dieser Beitrag ist ein Versuch, das auf Grundlage meiner eigenen Erinnerung und ein paar alter Notizen zusammenzufassen. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn ihr Erinnerungen ergänzen könnt, schreibt mir gern.

Lage und Atmosphäre
Der Park lag an einem ruhigen Wegrand am nördlichen Ortsrand von Linkenheim. Wer ihn nicht kannte, fand ihn nicht. Es gab ein schlichtes Holztor, eine kleine Kasse, dahinter ein etwa zwei Hektar großes Gelände mit Baumbestand, Wegen, Sitzbänken und einer Reihe von Volieren. Eintritt war symbolisch, in den Neunzigern noch eine D-Mark, später glaube ich zwei Euro. Es ging nie ums Geld.
Was den Park ausmachte, war die Mischung aus Hobby und Ernsthaftigkeit. Es war kein Zoo, sondern ein Liebhaberprojekt mit ehrenamtlichen Pflegern, die alle aus dem Ort kamen. Die Anlagen waren überschaubar, aber sauber. Die Vögel hatten Platz, soweit das in einer Voliere möglich ist. Man hat gemerkt, dass die Leute, die sich kümmerten, das aus Überzeugung taten.
Was es zu sehen gab
Der Schwerpunkt lag auf Ziervögeln, weniger auf Wildvogelhaltung. Es gab eine große Sittich-Voliere mit Wellensittichen in allen Farben, daneben eine zweite mit Nymphensittichen. Beide waren bei Familien mit Kindern die beliebteste Station, weil die Vögel zutraulich waren und gelegentlich auch auf den Finger flogen, wenn man Glück hatte.
Daneben gab es einen Bereich mit verschiedenen Finken- und Kanarienvogel-Arten, eine kleinere Voliere mit Zwergwachteln am Boden, und am Rand eine Anlage mit einem Pfauenpaar, dessen Männchen jedes Jahr im Mai sein Rad geschlagen hat, was Generationen von Kindern beeindruckt hat. Mehrere Anlagen waren begehbar, das heißt die Besucher gingen durch eine Schleuse direkt zu den Vögeln, was für die damalige Zeit ungewöhnlich war.
Eulen waren in einer eigenen kleinen Anlage untergebracht, soweit ich mich erinnere, überwiegend Steinkäuze und ein Waldkauz. Greifvögel gab es im Park nicht.
Das Drumherum
Es gab einen kleinen Kiosk, an dem Kaffee und Kuchen ausgegeben wurde, ehrenamtlich betrieben. Am Wochenende stand dort meistens eine ältere Dame, die jeden Gast persönlich begrüßte. Spielplatz gab es nicht, dafür eine Wiese, auf der Familien picknicken konnten. Die Stimmung war familiär im wortwörtlichen Sinne. Man hat sich gekannt, man hat sich begrüßt.
Zweimal im Jahr gab es ein kleines Sommerfest, bei dem zusätzlich Bratwürste verkauft wurden und ein Verein vom Ort für Musik gesorgt hat. Auch das war kein Spektakel, sondern Dorfformat. Genau das hat das Ganze für mich so wertvoll gemacht.
Warum es nicht mehr gibt
Die Schließung kam nicht überraschend, aber sie war trotzdem traurig. Die Generation der Ehrenamtlichen, die den Park über Jahrzehnte getragen hat, ist älter geworden. Nachwuchs fehlte. Die rechtlichen Anforderungen an die Tierhaltung sind über die Jahre verständlicherweise gestiegen, und irgendwann war absehbar, dass das ehrenamtliche Modell die Vorgaben nicht mehr stemmen würde. 2021 wurde der Betrieb schließlich eingestellt, die verbleibenden Tiere wurden in Zuchtanlagen und private Halter abgegeben. Das wurde damals lokal kurz erwähnt, aber nie groß dokumentiert.
Heute ist das Gelände weitgehend zurückgebaut. Reste der Volieren sieht man noch, wenn man weiß, wo man hinschauen muss. Das Gras hat sich vieles zurückgeholt, und ironischerweise leben heute wieder mehr Wildvögel auf dem Areal als zu Park-Zeiten, weil die Anlage verwildert.
Erinnerungen sammeln
Wenn ihr selber Erinnerungen an den Park habt, gerne auch alte Fotos, dann meldet euch. Ich würde solche Beiträge gern hier sammeln, mit Namensnennung wenn ihr wollt, anonym wenn nicht. Es wäre schade, wenn das alles verschwindet.
Geschichten am Rand
Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, sind nicht die spektakulären Voliere-Bewohner, sondern die kleinen Geschichten am Rand. Es gab einen Wellensittich, der jahrelang als einziger blauer in einer ansonsten grünen Gruppe lebte und immer im selben Eck der Voliere saß. Generationen von Kindern haben ihn als ihren Lieblingsvogel ausgesucht. Der Pfleger erzählte mir einmal, dass das Tier ungewöhnlich alt geworden sei, weit über zehn Jahre, was für einen Wellensittich beachtlich ist.
Oder die alte Dame am Kiosk, deren Name mir gerade nicht einfällt, die jedem Stammgast den richtigen Kaffee gemacht hat, ohne zu fragen. Sie führte über jeden Besucher Buch in einem kleinen Heft, schwarzgrau, abgegriffen. Ich weiß nicht, ob das Heft noch irgendwo existiert. Wäre ein kleines Stück Ortsgeschichte.
Was vom Gelände heute noch zu sehen ist
Wer heute durch das ehemalige Park-Gelände läuft, sieht auf den ersten Blick nur Wildwuchs. Die ehemaligen Wege sind zugewachsen, die meisten Anlagen wurden komplett abgebaut. Was bleibt, sind ein paar Fundamente, ein paar verbogene Drahtreste und eine alte Tür, die noch aufrecht zwischen zwei Bäumen steht, weil niemand sie weggeholt hat. Ein bisschen Mahnmal-Stimmung, ein bisschen Friedhof.
Es gab Überlegungen aus dem Ort, an einer der ehemaligen Voliere-Stellen eine Gedenktafel anzubringen. Daraus ist nichts geworden, soweit ich weiß. Vielleicht ist das auch besser so. Manche Erinnerungen werden lebendig gehalten, wenn man sie nicht in Bronze gießt, sondern weitererzählt.
Was der Park für die Region bedeutet hat
Im Rückblick wird mir klar, dass der Park für viele Kinder der Region die erste Begegnung mit lebendigen Vögeln in nicht-zoologischem Setting war. Das ist heute kaum vorstellbar, in einer Zeit, in der jeder das nächste Tiermotiv per Smartphone hat. Aber Mitte der 90er Jahre, mit Eltern, die wenig Geld für Tagesausflüge hatten, war ein nachmittäglicher Park-Besuch ein veritables Erlebnis. Für viele meiner Generation lokale Identität.
Wenn ich heute mit Bekannten aus Linkenheim spreche, kommen die Park-Erinnerungen oft als erstes, wenn Vogelthemen aufkommen. Das ist erstaunlich beständig. Eine Institution, die nicht mehr existiert, prägt weiter Gespräche und Erinnerungslandschaft. Das ist eine Form von Nachleben, die der Park sich verdient hat.